An der Woxx publizéiert: Der lange Schatten der „Wahlfreiheit“

De folgenden Artikel iwwert de Reliouns- an de Werteunterrecht hunn ech fir d’Woxx verfaasst, wou en an der Ausgab vum 28. Februar 2014 a liicht gekierzter Faassung publizéiert gouf:

Wie die Kirche ihre Machtansprüche „tolerant“ verpacken will.

Nachdem eine Diskussion um eine mögliche Abschaffung des Religionsunterrichts zugunsten eines allgemeinen Werteunterrichts jahrelang weitgehend vermieden wurde, scheint es unter der neuen Dreier-Koalition endlich soweit zu sein: Die Diskussion wird nicht nur geführt – die Regierung hat angekündigt, die Kirche aus der Schule zu verbannen und den Religionsunterricht abzuschaffen.

Diese Ankündigung hat unter Vertretern der katholischen Kirche bereits eine Welle der Empörung ausgelöst und so fordern Religionslehrer und konservative Eltern in einer Petition, die sogenannte „Wahlfreiheit“ beizubehalten. Das heißt im Klartext: Eltern sollen nicht nur die Wahl haben, ihre Kinder religiös zu erziehen – das soll auch noch weiter staatlich subventioniert werden. Um die Wahlfreiheit des Kindes geht es hierbei nicht, es ist vielmehr eine trotzig anmutende Reaktion mancher Eltern, die meinen, ein „Recht“ auf die Bestimmung jedes Aspekts der Bildung ihrer Kinder zu haben.

Es geht um mehr als nur die Schule.

Die Kirche, die noch vor wenigen Jahrzehnten der Meinung war, es solle eben keine Wahlfreiheit geben und jeder müsse den Religionsunterricht besuchen, spielt heute die Karte der „religiösen Toleranz“. Dies offenbart die defensive Lage, in der sich die sonst so autoritäre Institution mittlerweile befindet: Konnte sie früher noch ihren Machtanspruch offen zur Schau stellen, muss sie sich nun hinter demokratisch anmutenden Floskeln verstecken.

Die Argumentation der Befürworter der „Wahlfreiheit“ bezieht sich aber auch sehr deutlich immer wieder auf die „katholische Mehrheit“: So schicken viele Eltern ihre Kinder auch heute noch in den katholischen Religionsunterricht. Dies wäre Grund genug, den Religionsunterricht zu erhalten. Es geht aber bei der Frage, ob Religionsunterricht oder nicht, nicht darum, welche Religion die Mehrheit stellt oder ob viele Eltern ihre Kinder in staatlich finanzierten Religionsunterricht schicken wollen. Es geht darum, wie weit sich die organisierte Religion in das öffentliche Leben einmischen darf.

Wenn die katholische Kirche ihren Fuß in öffentliche Schulen setzen darf, so ist dies für sie in erster Linie ein Machtinstrument. Seit vielen Jahren verliert sie nämlich beständig an Zustimmung in der Gesellschaft, an Mitgliedern und an regelmäßigen Kirchengängern. Die Kirchen in Luxemburg sind leer. Deshalb klammern sich der Erzbischof und seine Untergebenen an die politischen Privilegien, die sie noch haben; sie wissen genau, dass die Kirche innerhalb nur einer Generation endgültig aus den Köpfen verschwinden könnte, wenn sie keinen Einfluss mehr auf kleine Kinder ausüben kann.

Welche Gesellschaft wollen wir haben?

Die Frage nach der Macht der Kirche wiederum ist eine gesellschaftliche Frage, die weit über die Schule hinausgeht – und eben deshalb ist die katholisch getaufte, aber nicht unbedingt gläubige, Mehrheit irrelevant. Jede Demokratie, die den Namen verdient, kennt die Freiheit der Religion. Die Religionslehrer und der Klerus legen diese nun auf eine geradezu absurde Weise aus und meinen, das sei eine Art Freiheit, die religiösen Institutionen Sonderrechte zugestehe, die andere Organisationen nicht haben. Tatsächlich aber meint religiöse Freiheit nicht nur die Freiheit der Ausübung der Religion, sondern auch die Freiheit von religiöser Einmischung in säkulare Angelegenheiten.

In der Tat knüpft der staatliche Religionsunterricht an eine Zeit an, in der Religion Staatsangelegenheit war, an die Zeit vor der Französischen Revolution. Mit der Französischen Revolution kamen nämlich auch die Säkularisierung der Gesellschaft und die damit verbundene Entmachtung der Kirche. Zwar wurden diese Errungenschaften später wieder rückgängig gemacht – doch aus den Köpfen künftiger Generationen von Revolutionären konnten sie nicht verbannt werden. Luxemburg hat, was die säkulare Verfassung des Staates angeht, auch heute noch einigen Nachholbedarf. Und dazu gehört eben auch die Abschaffung staatlichen Religionsunterrichts. Die Regierung macht damit also im gesellschaftspolitischen Bereich nichts anderes als Luxemburg säkularer, moderner und damit zugleich auch demokratischer zu machen als bisher.

Die Gesellschaft, die die Befürworter des staatlichen Religionsunterrichts aber wollen, sieht anders aus. Anstatt einer Gesellschaft, in der Religion Privatsache ist und deshalb auch niemand deswegen bevorzugt oder benachteiligt werden soll, wollen sie eine Gesellschaft, in der die Religion eine staatlich geförderte Sonderstellung einnimmt. Dies ändert sich auch nicht mit dem Vorschlag, auch anderen Religionen, wie etwa dem Islam, die gleiche Sonderstellung einzuräumen und neben dem katholischen auch einen islamischen, einen jüdischen, einen orthodoxen und vielleicht sogar einen scientologischen Religionsunterricht einzuführen. Es wäre eine Gesellschaft, in der Religion zu einem wichtigen Faktor erklärt wird, der auch im Staat, in der Politik, in der Bildung zum Tragen kommt. Dass die Kirche bereit wäre, ihre Macht im Bildungssektor mit anderen religiösen Gemeinschaften zu teilen, zeugt nicht etwa von ihrer Fortschrittlichkeit. Sie will stattdessen Privilegien für alle Religionen. Vorausgesetzt, sie ist organisiert und Teil einer Weltreligion. „Gottlose“, nicht- und frei-religiöse Menschen müssen draußen warten.

Politische Bildung und Ethik sind wichtiger als Glaube.

Die luxemburgische Gesellschaft hat einen demokratischen Anspruch. Und eben diesem muss das Bildungssystem endlich gerecht werden. Das heißt unter anderem: Die Vermittlung von Werten – die die Proponenten des Religionsunterrichts immer wieder in ihrer Argumentation aufgreifen – muss unabhängig von religiöser Zugehörigkeit passieren. Nur so können, einer Demokratie gerecht, überhaupt ein ethisches Bewusstsein gefördert werden, Debatten über Ethik geführt werden – anstatt den Schülern ein vorgefertigtes Werk aus moralischen und vereinfachten Geschichten und Gleichnissen zu präsentieren.

Nun werden einige meinen, ein einheitlicher Werteunterricht würde der Pluralität der Wertvorstellungen nicht gerecht. Dennoch ist eigentlich das Gegenteil der Fall: Mit einem entsprechend ausgearbeiteten Lehrplan könnten verschiedene Konzepte von Ethik besprochen und diskutiert werden, unabhängig vom möglichen Glauben an eine übernatürliche Entität. Eine solche eher moderierende als belehrende Rolle des Lehrers könnte auch dazu führen, dass Schüler mit unterschiedlichen Vorstellungen zusammen diskutieren, die sonst in getrennten Klassenzimmern sitzen müssten. Die „Vielfalt“ also, die der Religionsunterricht laut einiger Befürworter mit sich bringen sollte, wird durch eben diesen behindert – und durch die Wände die den Ethik- vom Religionskurs trennen.

Bei der ganzen Diskussion um den Religionsunterricht – und vor allem der geradezu hysterisch anmutenden Aufregung um seine Abschaffung – vergessen wir allzu gerne, was in einer demokratisch verfassten Gesellschaft wirklich wichtig ist: politische Bildung. Nicht die Religion einzelner Menschen oder Gruppen. Es scheint aber niemand bereit zu sein, eine Petition ins Leben zu rufen, die mehr politische Bildung in den Sekundarschulen fordert. Der eklatante Mangel an politischer Bildung ist aber mit dafür verantwortlich, dass politische Apathie zunimmt und die Menschen allzu oft nicht nach Überzeugung, sondern nach Gewohnheit wählen. Tradition ist hier wieder manchen Menschen wichtiger als Fortschritt, Machterhaltung wichtiger als demokratisches Bewusstsein.

Keine lange Diskussion.

Gerade weil diese, auf den ersten Blick manchmal nebensächlich wirkende, Frage der Abschaffung des Religionsunterrichts tiefergehende gesellschaftliche und politische Implikationen mit sich bringt und wesentlicher Teil eines größeren Reformprojekts in Richtung eines säkularen Staates ist, sollte sie, auch wenn die Befürworter des Religionsunterrichts dies fordern, nicht länger für sich alleine diskutiert werden. Ganz im Gegenteil: Diese äußerst emotionale Diskussion, die von den Gegnern einer säkularen Schule ins Leben gerufen wurde, behindert die gesamtgesellschaftliche Diskussion von elementaren Fragen wie die der bevorstehenden Verfassungsreform, die eine Trennung von Staat und Kirche vorsieht und damit die Abschaffung des Religionsunterrichts und des staatlichen Te Deums ergänzt, der wirtschaftlichen Situation Luxemburgs und der angekündigten Reformen des Sozialstaats.

Hier müssen Fakten geschaffen werden – und die dann ehemaligen Religionslehrer schnellstmöglich eine Fortbildung erhalten, um anderweitig beschäftigt werden zu können, sofern sie nicht sowieso hauptberuflich Pfarrer sind. Außerhalb der Schulzeiten stünde es natürlich jedem frei, religiöse Kurse anzubieten. Und es stünde auch jedem frei, diese nicht zu besuchen oder weitgehend ungestraft zu schwänzen. Das wäre Wahlfreiheit.

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Ein Kommentar zu An der Woxx publizéiert: Der lange Schatten der „Wahlfreiheit“

  1. Olga Kies-Grober sagt:

    Anstatt eines Referendum könnte man ja bei der Volkszählung eine Kolonne beifügen:
    “ Wer möchte aus der Kirche austreten oder wer will es nicht “
    In dem Fall müssten alle Bewohner daran teilnehmen und Manipulation wäre ausgeschlossen.

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